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Juli 10, 2008

Platons Philosophenstaat

Filed under: Politik — claudiathur @ 11:51 am
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Ich hatte ja Aktualität versprochen. Nun ist jedoch Platons Philosophenstaat recht weit weg von dem, was wir heute Freiheit und Demokratie nennen, wo soll da die Aktualität sein, mag mancher sich fragen. Platon steckt die Kinder kurz nach ihrer Geburt in verschiedene Kasten, lässt sie entfernt von ihren Eltern aufwachsen, und allein die Herrscherkaste darf über die Belange des Staates entscheiden, und sich selbst aussuchen, wer Nachfolger wird.

Ein Wechsel der Kaste ist unmöglich, da die gewährte Ausbildung nur auf den vorgesehenen Beruf ausgerichtet ist. Ein selbstbestimmtes Leben wird dem Individuum also vom Regenten verwehrt, da die Auswahl des Berufes bereits in frühester Kindheit getroffen wird.

Wo will ich da wohl eine Aktualität für unsere heutige Politik finden?
Platon findet hier Lösungen auf heutige Probleme, nur leider sind seine Lösungen so radikal, dass sie nicht umsetzbar sind. Aber vielleicht findet sich in dieser Radikalität doch ein Merkmal, an dem wir uns heute noch ausrichten können.

Dass Kinder bei ihren Eltern aufwachsen dürfen gehört heute zu den unantastbaren Grunddrechten. Glauben zumindest viele. Die Möglichkeit der Ausnahmen ist groß. Das Jugendamt darf gefährdete Kinder in ein Heim stecken, Eltern dürfen ihre Kinder freiwillig zur Adoption freigeben, oder in ein Internat schicken. Der heilige Zusammenahlt der Familie ist gar nicht so heilig, wie oft behauptet wird. Und spätestens, wenn mal wieder eine Nachricht besagt, dass Eltern ihre Kinder getötet, misshandelt oder sonstwie geschädigt haben werden die Rufe laut, warum denn nicht früher jemand die Kinder da rausgeholt habe.

Platon nimmt die Kinder grundsätzlich sofort aus den Familien, damit ihnen dort nichts böses geschehe. „Oh aber das geht doch nicht! Es sind doch nicht alle Eltern schlecht.“ Nun das ist wieder eine Definition dessen, was wir unter guten Eltern verstehen.

Groß ist immer das Gerede, wie unterschiedlich die Chancen auf einen Universitätzugang für Kinder aus verschiedenen sozialen Schichten sind. Niemand ist überzeugt davon, dass die Kinder von Akademikern bessere Akademiker sein können, als Kinder von Landwirten oder Arbeitslosen. Dennoch wundert es niemand, dass dennoch die einen in einer für angehende Akademiker positiven Umgebung aufwachsen, während den anderen durch ihre soziale Umgebung ein Leben als Handwerker näher gelegt wird, ohne auf die individuellen Fähigkeiten der Kinder zu achten.

Weiter geht es am Ende dieser Ausbildung. Ungeachtet der Fähigkeiten und Interessen der Bürger, wird jedem ein gleiches Recht eingeräumt, an der Politik des gesamten Landes mitzuwirken. Menschen ohne jede pädagogische Erfahrung dürfen Bildungsminister werden, Menschen, die selbst ihrer Schuldenberge nicht Herr werden, dürfen den Finanzminister wählen.

Wäre es da nicht besser, wenn die platonischen Philosophenherrscher, die bestimmte Tugenden erfüllen müssen um ihre Regentschaft ausüben zu dürfen, die Geschicke des Staates leiten?

Diese Regenten denken nicht an ihren eigenen Vorteil, da sie dem Privatbesitz abgeschworen haben. Ein Diätenerhöhungsskandal kommt bei Platon nicht vor. Sie machen den Bauern keine unsinnigen Vorschriften, die die Lebensmittelpreise in die Höhe treiben und dennoch die Bauern an den Rand der Armut bringen, da sie wissen was gut und richtig ist.

Es scheint zwar als wären die Regenten in diesem Staat die freiesten Bürger, da ihnen allein die beste Bildung und die Macht über den Staat gehört. Aber im Gegenteil laden die Regenten die Verantwortung für alle anderen auf sich, geben damit mehr Freiheiten auf, als die anderen. Die Freiheit sich ein Leben voller Spaß und Vergnügen leisten zu können erkaufen sich die Bürger des dritten Standes mit der Freiheit der Philosophen an sich selbst denken zu können.

Die Freiheiten dieses dritten Standes will heute jeder genießen, sie sind das, was man in unserer postmoderenen Gesellschaft als Freiheit an sich versteht. Die Pflicht Politik zu betreiben verträgt sich aber nicht mit dieser Art von Freiheit. Selbst wenn es nur ein Kreuzchen alle vier Jahre ist, verlangt unser politisches System, dass diese Wahl nicht unreflektiert und nach persönlichen Vorlieben getroffen wird, sondern, dass persönliche Vorlieben hintangestellt werden und jeder Wähler sich selbst aktiv um die notwendigen Informationen kümmert, die er benötigt, um die richtige Wahl treffen zu können.
Einfacher wäre Platons Modell allemal.
Und wenn die Bürger es sich tatsächlich einfach machen, hätte Platon auch das bessere Modell.

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2 Kommentare »

  1. Cooler Artikel. Sehe gerade er ist schon 2 Jahre alt. Nun mittlerweile haben die Eltern ja fast keine Rechte mehr, der Staat muss ihnen nicht mal mehr Versagen nachweisen.

    Ich warte jetzt im Gegenzug nur noch auf die fähigen Politiker…. 🙂

    Kommentar von 1000sunny — Februar 15, 2010 @ 8:21 am | Antwort

  2. […] aber wiederum nicht. Eine Lösung wäre letztenendes sowas wie Platons Philosophenstaat, wobei das schon sehr radikal ist.Hm, am besten führen wir vielleicht wirklich die Monarchie wieder ein… Möglicherweise […]

    Pingback von Zu viel direkte Demokratie 4 | Tarphos — November 11, 2010 @ 12:53 pm | Antwort


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